Ausbildung ukrainischer Soldaten an Marder und Leopard 2

Ein Artikel von Major Berberich und Major Sittig

Vorbemerkungen

Seit dem 24.02.2022 wehrt sich die UKRAINE gegen den Aggressor RUSSLAND mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Die ukrainischen Soldaten bewähren sich dabei mit den unter anderem von Deutschland gelieferten Systemen hervorragend. Der Wert der Waffenlieferungen aus DEUTSCHLAND und anderen westlichen Partnerländern kann für die Gefechtsführung der Ukraine nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die täglichen Bilder in den Nachrichten beweisen dies eindrucksvoll. Anfang dieses Jahres wurde der Schule gepanzerte Kampftruppen der Auftrag erteilt, die Ausbildung in Stärke eines Bataillons am Schützenpanzer MARDER sowie in Stärke einer Kompanie am Kampfpanzer LEOPARD 2 A6 für die ukrainischen Streitkräfte durchzuführen. Aufgrund der Tatsache, dass am Mutterhaus der gepanzerten Kampftruppen die geballte Kompetenz sowohl in Methodik und Didaktik in der Ausbildung als auch in der Fachlichkeit in und Erfahrungen aus der Truppengattung vorhanden ist und nicht zuletzt alle Turmtrainer und Simulatoren sowie Truppenübungsplätze vorhanden sind, verlief die kurzfristige Ausplanung dieser wichtigen Ausbildung hochprofessionell und relativ geräuschlos zu den laufenden Lehrgängen. Unter Rückgriff auf alle verfügbaren Ausbilder für die Systeme SPz MARDER und KPz LEOPARD 2 A6 und mit Unterstützung vom Panzergrenadierbataillon 411, Panzerbataillon 203, Panzerbataillon 104 und den Versorgungsbataillonen 141 / 142 sowie vielen anderem Dienststellen begann nach kurzer Vorbereitungszeit, inklusive einer Ausbildung der Ausbilder, eine hinsichtlich Ausbildungs- und Ausbildergruppe sowie der Unterstützungskräfte ausgesprochen umfangreiche und intensive Ausbildung. Unter Abstützung auf die örtlichen Gegebenheiten mit Ausbildungsstätten und Truppenübungsplätzen erfolgte die Ausbildung der Panzergrenadiere in Verantwortung durch das Schießübungszentrum Panzertruppen im Standort MUNSTER, die Ausbildung für die Besatzungen der Kampfpanzer in Verantwortung der I. Inspektion der Schule gepanzerte Kampftruppen auf dem Truppenübungsplatz BERGEN. Die Ausbildung der ukrainischen Soldaten war eine Mammutaufgabe, die nur im gemeinsamen Wirken Truppe und Schule geschultert werden konnte.

(Foto: Bundeswehr)

Ausbildung der ukrainischen Panzergrenadiere

Ausbildungskonzept

Auftrag und Absicht war es, in einem Zeitraum von 6 Wochen zunächst die vorderen Kampfräume, bestehend aus Kraftfahrer, Richtschütze und Kommandant, später dann auch die Schützentrupps der hinteren Kampfräume, auszubilden. Grundlage für alle Ausbildung waren die deutschen Einsatzgrundsätze, dies führte an der ein oder anderen Stelle erwartbar zu Herausforderungen. Dabei sollten zunächst die vorderen Kampfräume durch Waffen- und Schießausbildung dazu befähigt werden, den SPz MARDER sicher in allen für das Gefecht zu erwartenden Lagen bedienen zu können. Dazu wurde in der Ausbildungskonzeption im Wesentlichen auf das bewährte Konzept der AnTrA 2 (Anweisung für die Truppenausbildung 2) zurückgegriffen. Nach der Grundeinweisung in den Schützenpanzer MARDER folgte ein nahezu klassischer Richtschützen-Ausbildungsblock mit zwei Wochen Ausbildung an Simulatoren, Turmtrainer und dem Schützenpanzer selbst. Gefolgt wurde dieser von zwei Wochen intensiver Schießausbildung auf dem Truppenübungsplatz MUNSTER NORD. Parallel zu den Schießvorhaben erfolgte die Aufnahme und Einweisung der hinteren Kampfräume. Diese erhielten eine kurze Ausbildung an den deutschen Handwaffen G36, MG3 und Panzerfaust 3. Schwerpunkt der Teamausbildung für diese Kräfte war dann das Zusammenwirken mit dem Schützenpanzer. Die Ausbildung der Kraftfahrer erfolgte zunächst im Rahmen einer gestrafften, zweiwöchigen Ausbildung im Kraftfahrausbildungszentrum HAMMELBURG. Ergänzt wurde diese dann in MUNSTER durch vertiefende, technische Ausbildung mit dem Schwerpunkt der Behelfsinstandsetzung von Gefechtsschäden sowie dem Fahren im Gelände auch bei eingeschränkter Sicht. Die Zusammenführung der beiden Kampfräume erfolgte dann in der Ausbildungswoche 5 im Rahmen von Gefechtsausbildung auf dem Truppenübungsplatz. Dabei wurden in rascher Folge grundlegende Kenntnisse über die Themen der Schützenpanzerkampfbahn, Marsch und Beziehen von Räumen im Rahmen der Panzertruppenkompanie, Sicherung und Feuerkampf des Panzergrenadierzuges ausgebildet. Abgeschlossen wurde das Ausbildungsvorhaben in Woche 6 mit Gefechtsschießen, zunächst auf Gruppen-, dann auf Zugebene in der Verteidigung.

(Foto: Bundeswehr)
Abholpunkte und Motivation

Nach einer kurzen Begrüßung und Einweisung in den Ausbildungsablauf wurde verzugslos in die Ausbildung eingestiegen. Dabei wurden die ersten Schritte und Pausengespräche für eine Lerngruppenanalyse genutzt. Dabei zeigte sich ein erwartbar gemischtes Bild. Nicht alle Soldaten waren kampferfahrene, gestandene Soldaten, sondern nach einem Jahr Krieg waren in der Ausbildungsgruppe der vorderen Kampfräume auch Soldaten mit noch geringer Diensterfahrung. Bei den hinteren Kampfräumen verfügten mehr, insbesondere die eingesetzten Truppführer als Feldwebel über teils mehrjährige Dienstzeiten und Fronterfahrung. Mangelnde Vorkenntnisse im Bereich postsowjetischer Doktrin und Kampfweise erwies sich jedoch in einigen Bereichen auch als wesentlicher Vorteil für die Ausbildung, da hier „unsere“ Kampfweise eher akzeptiert und angewendet wurde. Die Motivation der ukrainischen Soldaten war, aus leicht nachvollziehbaren Gründen, nahezu durchgehend überdurchschnittlich hoch. Dieser war es auch zu verdanken, dass die Soldaten der hohen Belastung durch sechs Ausbildungstagen zu je 12 bis 16 Stunden pro Woche mit teilweise zusätzlichen Technischen Dienst an Sonntagen standhielten und zum Erfolg kamen.

(Foto: Bundeswehr)
Schlussbemerkungen

Am 17.03.2023 endete die erste Ausbildung ukrainischer Streitkräfte am Schützenpanzer MARDER. Der Ausbildungsstand, den wir am Ende erreichen konnten, war, gemessen an der zur Verfügung stehenden Zeit in Verbindung mit den Vorkenntnissen der Lerngruppe, gut. Wie zu erwarten war, konnten wir mit dieser kompakten Ausbildungsform nicht alle Facetten der klassischen deutschen Panzergrenadiere ausbilden. Das Erreichen des Ziels, die ukrainischen Soldaten zum erfolgreichen Einsatz des Schützenpanzers MARDER im Krieg zu befähigen ist aus unserer Sicht gelungen und wird sich in den nächsten Wochen hoffentlich bestätigen.

(Foto: Bundeswehr)

Ausbildung der ukrainischen Panzerbesatzungen

Am 25.01.2023 fiel die Entscheidung der Bundesregierung, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor mit 14 Kampfpanzern vom Typ LEOPARD 2 A6 zu unterstützen. In enger Absprache mit den westlichen Verbündeten wurde das Ziel gesetzt, ein ukrainisches Panzerbataillon mit diesem Modell auszurüsten. Gleichzeitig war zu entscheiden, durch wen und wie die Ausbildung der ukrainischen Besatzungen erfolgen soll. Auch hier fiel in der Parallelität zur MARDER-Ausbildung und um Synergien zu nutzen, die Wahl auf die Panzertruppenschule, da sowohl kompetentes Personal als auch die notwendige Infrastruktur an Ausbildungsmitteln, Simulatoren und Übungsräumen und Schießbahnen vorhanden ist. Bereits für die Folgewoche hatte sich ein ukrainischen Fact Finding Team (FFT) angekündigt und am 10.02.2023 sollte mit der Ausbildung der ukrainischen Besatzungen begonnen werden. In kürzester Zeit wurde ein fünf Wochen umfassender Ausbildungsplan erstellt und die notwendige personelle und materielle Unterstützung aus der Truppe organisiert. Insgesamt standen 19 KPz aus zwei Verbänden und der Truppenschule für die Ausbildung bereit. Die Gesamtverantwortung lag bei der I. Inspektion der Schule gepanzerte Kampftruppen, zusätzliche Ausbilder kamen aus der II. Inspektion sowie den Panzerbataillonen 104 und 203. Die für das Vorhaben notwendigen Sprachmittler kamen aus den unterschiedlichsten Verbänden der Streitkräfte.

Ausbildungskonzept

Ziel der Ausbildung war es, 16 UKR Besatzungen innerhalb von 5 Wochen so auszubilden, dass diese danach kriegstauglich im Gefecht eingesetzt werden können. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, wurde mindestens zwölf Stunden pro Tag an sechs Tagen der Woche ausgebildet. Der siebte Tag der Woche war nicht grundsätzlich frei, sondern wurde für notwendigen technischen Dienst am Großgerät verwendet.

In den ersten 1,5 Wochen der Ausbildung wurde jedes Besatzungsmitglied auf dem für ihn vorgesehenen Bedienerplatz ausgebildet. Die Kraftfahrer erfuhren in diesem Zeitraum eine verkürzte Ausbildung am Kraftfahrausbildungszentrum um den LEOPARD 2 sicher im Gelände bewegen zu können. Die Turmbesatzungen erhielten eine umfangreiche Ausbildung unter Zuhilfenahme des AAT (Ausbildungsanlage Turmtrainer) und der ASPT (Ausbildungsgerät Schießsimulator Panzertruppe) der Truppenschule. Vom Laden der Bordkanone, über die Anwendung der Lasermessregeln bis hin zum kleinen Kampfgespräch zwischen dem Kommandanten und seinem Richtschützen wurden alle notwendigen Handgriffe vermittelt und die ukrainischen Kameraden darauf vorbereitet, den Kampfpanzer im Gelände sowie auf der Schießbahn selbstständig zu führen.

Nach Abschluss dieser Phase und dem Dazustoßen der fertig ausgebildeten Kraftfahrer wurden drei Züge gebildet. Bei Übungen im Gefechtssimulator sowie auf dem Truppenübungsplatz BERGEN konnte das bereits Erlernte in einfachen Lagen angewandt und das Zusammenwirken der einzelnen Besatzungsmitglieder verbessert werden. Der Anteil an Gefechtsausbildung betrug für jeden Zug insgesamt zwei Tage im AGPT (Ausbildungsgerät Gefechtssimulator Panzertruppe) und vier Tage praktisch auf Zugebene im Gelände mit Großgerät. Dabei wurden Grundlagen vermittelt, wie die Kommunikation im Zug, das Überwinden von Kreuzungen und Kurven, Formen der Entfaltung, Umgliederung, Beziehen einer Stellung bzw. Wechselstellung und das Auffahren auf eine Sperre.

In den letzten zwei Wochen der Ausbildung verschob sich der Schwerpunkt auf Schul- und Gefechtsschießen. Beginnend beim Einzelpanzer, über die Ebene Halbzug bis hin zum Zuggefechtsschießen wurden die ukrainischen Besatzungen im scharfen Schuss mit Bordkanone und BlendenMG beübt. Je Zug wurden auch zwei Nachtschießen durchgeführt, um die sichere Aufklärung und Bekämpfung von Zielen bei eingeschränkter Sicht abzubilden.

(Foto: Bundeswehr)
Ausbildungsgruppe

Die Ausbildungsgruppe bestand aus einem Querschnitt der männlichen ukrainischen Bevölkerung mit einer breiten Altersspanne, was hinsichtlich der Kriegsdauer und -intensität zu erwarten war. Daher hatten längst nicht alle Ausbildungsteilnehmer Kriegserfahrung oder eine längere Vordienstzeit. Ein Teil hatte bereits Gefechtserfahrung im aktuellen Konflikt sammeln können, der Großteil war jedoch zumindest auf dem T-64 (Танк-64/Tank-64) oder T-72 (Танк-72/Tank-72) vorausgebildet. Gerade beim Gefechtsdienst zeigte sich, dass sich das westliche Verständnis von Einsatz und Kampfweise von Kampfpanzern deutlich vom östlichen unterscheidet. Soldaten mit umfangreicherer Vorerfahrung waren natürlich auch stärker durch diese Doktrin militärisch sozialisiert und hatten größere Vorbehalte, neue Möglichkeiten der Vorgehensweise anzunehmen. Hier musste ein Mittelweg gefunden und aufgezeigt werden, dass nur bei Anpassung der Kampfweise auch das maximale Potential des Systems LEOPARD 2 ausgeschöpft werden kann. Grundsätzlich war die Motivation der Soldaten erwartungsgemäß hoch, hängt doch auch das eigene Leben an der Beherrschung des neuen Waffensystems. Letztendlich konnte auch nur mit aktiver Mitarbeit und Willen der Ausbildungsgruppe das ambitionierte Ziel in der Kürze der Zeit erreicht werden.

Schlussbemerkungen

Am 17.03.2023 endete die Ausbildung der ersten ukrainischen SPz MARDER und KPz LEOPARD 2 A6 Besatzungen. Die gesetzten Ausbildungsziele konnten durch den großen persönlichen Einsatz der Ausbilder und der Motivation der ukrainischen Soldaten erreicht werden. Die Schule gepanzerte Kampftruppen schaut auf eine für alle Beteiligten intensive Zeit zurück, mit dem reinen Gewissen, das Maximale unter den gegebenen zeitlichen Auflagen herausgeholt zu haben.
Ende März gab es in den Medien die ersten Meldungen, dass die deutschen SPz MARDER und KPz LEOPARD 2 A6 in der Ukraine eingetroffen sind. In den nächsten Wochen wird sich hoffentlich bestätigen, dass wir unser Ziel – das Bestehen im Gefecht – mit „unseren“ ukrainischen Besatzungen auch tatsächlich erreicht haben.

Viel Erfolg unseren ukrainischen Kameraden!

(Foto: Bundeswehr)
Über das Autorenteam der Schule gepanzerte Kampftruppen:

Major Maik Berberich ist Hörsaalleiter in der I. Inspektion der Schule gepanzerte Kampftruppen. Im Rahmen der ukrainischen Ausbildungsunterstützung war er für die Ausbildung am KPz LEOPARD 2 A6 eingesetzt.

Major Marco Sittig ist Hörsaalleiter in der I. Inspektion der Schule gepanzerte Kampftruppen. Im Rahmen der ukrainischen Ausbildungsunterstützung war er für die Ausbildung am SPz MARDER 1 A3 eingesetzt.