Kampf im urbanen Raum mit dem Schützenpanzer PUMA

Ein Artikel von Hauptmann Christian Czaja, KpChef 2./PzGrenBtl 212

„Die Gefahr lauert in der Kanalisation, auf Häuserdächern, in Gebäuden. Attentäter verstecken sich in Menschenmengen. Darauf müssen die Soldaten vorbereitet sein, damit sie sich schützen und verteidigen können.“

Als Oberst a.D. Dieter Sladeczek, ehemaliger Leiter des Bereiches Ausbildung/ Übung im Gefechtsübungszentrum des Heeres, im Jahr 2012 diese Aussage tätigte, war die Absicht, Verbände in einer möglichst realistischen Umgebung im Orts- und Häuserkampf zu beüben, lediglich eine ambitionierte Vision. Deren Realisierung nahm eine ganze Dekade in Anspruch:Im November/Dezember 2022 wurde der erste als reiner Übungsdurchgang im urbanen Raum SCHNÖGGERSBURG konzipierte GÜZ-Durchgang durchgeführt wurde.

Das verstärkt verminderte Jägerbataillon 1.

Der kurze Weg ins GÜZ

Als die 2. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 212 aus AUGUSTDORF im August des vergangenen Jahres den Auftrag erhielt, ein Kompanieführungselement sowie einen Panzergrenadierzug für besagten Übungsdurchgang zu stellen, hatte dies, nicht zuletzt aufgrund der Kürze der Zeit, tiefgreifende Auswirkungen auf die kurzfristige Planung. Hatte die Kompanie in den zurückliegenden Monaten lediglich mit einem Zug die Ausbildungsstufe C erreichen können und sich mit der defensiven Gefechtshandlung „Verzögerung“ auseinandergesetzt, galt es nun, möglichst zeitnah Grundlagen für die offensive Gefechtshandlung „Angriff“ im urbanen Raum zu schaffen. Der geplante Durchgang im Schießübungszentrum Panzertruppen im Oktober 2022 hatte nunmehr keinen Selbstzweck, sondern diente ausschließlich als Vorbereitung für den GÜZ-Durchgang. Dass nach Erteilung des Auftrags zunächst eine Brigade-Weiterbildung zur Thematik „Kampf mit Sperren“ stattfand, in deren Schwerpunkt die 2. Kompanie eingesetzt war, machte das Unterfangen ungemein schwieriger und erforderte höchstmögliche Flexibilität der Soldaten.

So blieben bis zum SchÜbZ-Durchgang nur wenige Tage Vorbereitungszeit für eine Kompanie, die bis dato, insbesondere aufgrund der Einsatzgestellung in Afghanistan 2020/2021, auf wenig Erfahrung im Umgang mit dem Schützenpanzer PUMA zurückgreifen konnte. Da der Kampf im urbanen Raum nicht nur in der Panzergrenadiertruppe als „Königsdisziplin“ bekannt ist und eine mehrmonatige, einer stringenten Systematik folgende Ausbildung notwendig ist, um diese Gefechtshandlung zu beherrschen, waren die geschaffenen rudimentären Grundlagen kaum ausreichend, um im SchÜbZ auf Anhieb überzeugen zu können. Umso wichtiger war, dass den Soldaten der Kompanie in der zentralen Ausbildungseinrichtung die Komplexität der Thematik in einer fundierten Ausbildung anschaulich vermittelt wurde, was in einem sukzessiven Festigen entsprechender Grundsätze resultierte.

Screenshot einer Helmkamera.

Zur Einheit werden

In der Truppeneinteilung der Kompanie war vorgesehen, durch einen Panzergrenadierzug mit dem SPz MARDER, einen Panzerzug mit dem KPz LEOPARD, sowie durch Pionier-, Joint Fire- und Sanitäts-Kräfte verstärkt zu werden. Eine gemeinsame vorausgegangene Ausbildung gab es nicht, weshalb die ersten Tage des Durchgangs dazu dienten, die in der Kompanie vorhandenen SOPs mit den externen Kräften zu synchronisieren und in einer Kompanie-Ausbildung zur Anwendung zu bringen. Die Tatsache, dass der Panzergrenadierzug MARDER sowie der Panzerzug aus dem Ausbildungsverband des GÜZ gestellt wurden, hatte zur Folge, dass diese Kräfte bereits über ausgezeichnete Raumkenntnisse und entsprechende Erfahrungswerte verfügten, welche sie mit der Kompanie in der Vorbereitung der jeweiligen Aufträge teilten. Man sollte annehmen, dass die Soldaten des Ausbildungsverbandes, welche jährlich in dutzenden Übungsdurchgängen in sich wiederholenden Räumen gebunden sind, über weniger Engagement und Dynamik verfügen, als die Übungstruppe, für welche der Aufenthalt einen Ausbildungshöhepunkt darstellt – dementgegen habe ich diese Soldaten aber als hoch motiviert, tatkräftig und ausgesprochen teamfähig wahrgenommen.

Mit einer Kompanie SCHNÖGGERSBURG nehmen zu können, ist reine Utopie – dafür wäre mindestens ein Großverband nötig! Dementsprechend fokussierte sich die Kompanieausbildung auf einzelne Abschnitte der Ortschaft, in denen Schlüsselobjekte oder Schlüsselgelände als Voraussetzung für den weiteren Angriff fiktiver Folgekräfte genommen werden mussten. Gesperrte Brücken im Zuge des Panzerhindernisses EISER, auf welche Feindkräfte aus höhergelegenen Stellungen wirken und beobachten können, erwiesen sich als erster „Härtetest“ für die angreifende 2. Kompanie. In enger Zusammenarbeit mit den bei den Zügen integrierten Pionierkräften, konnten Stacheldrahtrollen geöffnet und ferngesteuerte Richtminensperren gesprengt werden, um mit auf- sowie abgesessenen Kräften weiter anzugreifen. 

Über die EISER wurde weiter auf mehrstöckige Gebäude angegriffen, in denen die Besonderheit, dass Ortschaften über „unendlich viele tote Räume“ verfügen, ausdrücklich zum Tragen kam – das herausfordernde Gelände verlangte von den militärischen Führern bezüglich der Koordination des unterstellten Bereiches alles ab. Die teilweise fehlende Sichtverbindung zu den eigenen SPz machte es zudem schwierig, diese zielgerichtet einzusetzen und Vorgehtiefen sowie Wirk- und Beobachtungsbereiche zu synchronisieren. Aber genau diese wirklichkeitsnahe Umgebung ist notwendig, damit nicht bloß an die Vorstellungskraft der Soldaten appelliert wird, sondern sich diese in einem realistischen Szenar wiederfinden und keine Diskussion über „Übungskünstlichkeiten“ entsteht. So musste die Kompanie in einem Übungsdurchgang auch schmerzlich erfahren, dass die Gefahr eines feindlichen Gegenstoßes im urbanen Raum nicht ausschließlich aus Gebäuden und Straßenzügen hervorgeht, sondern eine günstige Gelegenheit auch dafür genutzt werden kann, in U-Bahn-Tunneln und Kanalisationen Kräfte zu verschieben und somit eine Verzahnung herbeizuführen. Dass städtische Infrastruktur aus Sicht des Angreifers wann immer möglich vermieden werden sollte, war allen Beteiligten spätestens zu diesem Zeitpunkt klar!

Angriff!

Das verstärkt/verminderte JgBtl 1 greift an

Nachdem die Kompanie truppengattungsübergreifend zur Einheit geformt wurde, galt es nun, das Erlernte im Bataillonsrahmen anzuwenden. Das Jägerbataillon 1 aus SCHWARZENBORN hatte sich bereits seit Monaten intensiv auf dieses Vorhaben vorbereitet und wurde neben der Panzergrenadierkompanie ebenfalls durch eine Kompanie des österreichischen Jägerbataillons 19 verstärkt. Auftrag des Verbandes war es, in der Ortschaft SCHNÖGGERSBURG zwei tragfähige Übergänge über die EISER zu schaffen und diese für nachfolgende Kräfte offenzuhalten. Die 2. Kompanie wurde in diesem Rahmen zusätzlich durch Fahrzeuge vom Typ WIESEL TOW, dem Minenräumpanzer KEILER sowie einem österreichischen Äquivalent zum Pionierpanzer DACHS verstärkt. Die Multinationalität des Dienstes im Zuge von Übungsvorhaben und Einsätzen ist nach meiner Betrachtung eine der gewinnbringendsten Attribute des Soldatenberufes: Mit dem „Blick über den Tellerrand“ fällt es uns leichter, Standards und Verfahren selbstkritisch zu reflektieren und selbst erlebte zweckmäßige sowie lösungsorientierte Ansätze in eigene Denk- und Handlungsmuster zu implementieren.

Dass die 2. Kompanie im Schwerpunkt eingesetzt wurde und somit den Auftrag hatte, sowohl eine Einbruchstelle am Westrand von SCHNÖGGERSBURG zu schaffen, als auch den ersten Übergang über die EISER zu nehmen und offenzuhalten, war Zeugnis des Vertrauens, welches vom Jägerbataillon 1 nach der Erkundung im Oktober 2022 sowie nach erfolgter Kompanie-Ausbildung in die Kräfte aus AUGUSTDORF gesetzt wurde. Dass die Auftragserfüllung aufgrund des diffizilen Geländes und dem vergleichsweise starken Feind der Kompanie vieles abverlangen würde (auch vermutlich hohe Verluste), war dabei dem Befehlsgeber und den Ausführenden gleichermaßen bewusst. In der Annäherung wurde der Grundsatz, dass Panzergrenadiere und Panzertruppe gemeinsam eingesetzt werden müssen, besonders verdeutlicht: Der aus Kampfpanzer LEOPARD und WIESEL TOW bestehende Flankenschutz vernichtete zahlreiche Feindkräfte, welche mit dem Schützenpanzer PUMA lediglich hätten bekämpft werden können. Ohne ausreichenden Flankenschutz kann ein zielführender Einbruch nicht erfolgen – dieser wurde in den folgenden Übungsdurchgängen entweder über eine angrenzende Freifläche direkt auf den Brückenübergang oder über bebautes Gelände im Stoß durchgeführt.

Der Absicht, den Einbruch unter Ausnutzen des eigenen Steilfeuers durchzuführen, konnte nicht permanent entsprochen werden, sodass dieser teilweise unter Fahrzeugnebel erfolgen musste. Besonders im Zuge des Wechsels der Kampfweise griffen Feindkräfte auf die eigene Steilfeuer-Komponente zurück, was in dieser ohnehin kritischen Phase des Angriffs dazu führte, dass Gefechtsfahrzeuge in der Einbruchstelle vernichtet wurden. Was sich bereits im Kompanierahmen als schwierig erwies, gestaltete sich mit drei Kompanien, partiell nebeneinander oder hintereinander, noch deutlich komplizierter: Die Übersicht zu bewahren und die eigenen auf- und abgesessenen Kräfte zu koordinieren. Dass der Funkkreis häufig belegt war, kann als logische Konsequenz des hohen Feindaufkommens und der Vielzahl an eigenen Ausfällen gewertet werden. Mit der begrenzten Nutzungsmöglichkeit dieses Kommunikationsweges wurde die direkte Sichtverbindung der eingeteilten Führer umso wichtiger, führte aber vereinzelt dazu, dass der Angriffsschwung zugunsten einer Koordination und Reorganisation von Kräften vernachlässigt werden musste.

Wurde frühzeitig erkannt, dass der gewählte Ansatz der Kräfte keine Aussicht auf Erfolg bot, so griff der Bataillonskommandeur entschlussfreudig ein und führte das Gefecht letztlich zum Erfolg. Die massiven Ausfälle von eigenen Kräften und Gefechtsfahrzeugen waren ein erwartbares Ergebnis des Kräfteverhältnisses, welches zwischen Angreifer und Verteidiger bei ungefähr 2:1 lag. Schlussendlich war von Übungsdurchgang zu Übungsdurchgang eine graduelle Leistungssteigerung auf allen Führungsebenen bis zum Schützentruppsoldaten zu beobachten. Die hohe Motivation aller Beteiligten war ausschlaggebend dafür, dass in Folgedurchgängen bestmöglich gerade gemachten Erfahrungen umgesetzt wurden.

Angriff auf den Übergang über die Eiser.

Der SPz PUMA im urbanen Raum

Im urbanen Raum bietet die moderne Waffenanlage des SPz PUMA hauptsächlich dann entscheidende Vorteile, wenn sie zur Zielbekämpfung auf mittlere bis große Kampfentfernung eingesetzt wird. Einen adäquaten Flankenschutz kann der SPz aber nur darstellen, insofern die Feindkräfte über keine KPz verfügen. Seine Überlegenheit bringt er in einem urbanen Raum mit kurzen Sichtstrecken häufig nur bedingt zur Anwendung, da das kanalisierende Gelände dem Feind die Möglichkeit bietet, auf kurze Kampfentfernung mit Panzerabwehrwaffen zu wirken, ohne dass dieser Gefahr durch aufgesessene Kräfte qualifiziert begegnet werden könnte – so führt beispielsweise der eingeschränkte Richtbereich der MK 30mm von bis zu +45 Grad dazu, dass höhergelegene Stockwerke ausschließlich aus größerer Entfernung überwacht werden können. Ein begleitetes Vorgehen im urbanen Raum erweist sich mit SPz und Kpz in vielzähligen Szenarien gleichermaßen als zweckmäßig, hat aber immer negative Auswirkungen auf die Aufrechterhaltung des eigenen Angriffsschwungs.

Sowohl die im urbanen Raum häufig fehlende Sichtverbindung als auch die Abweichung zwischen Kartendarstellung und tatsächlichem Gelände, hat ein erhöhtes Meldeaufkommen zur Folge. Dieser Überlastung von Kommunikationswegen kann mit der Nutzung des im SPz PUMA verbauten Führungsinformationssystems Heer entgegengewirkt werden, da somit Lage- und Feindmeldungen übersichtlich festgehalten und dargestellt werden können. Darüber hinaus hat das Einpflegen von Meldungen in das GLADIUS-System innerhalb einer homogenen Einheit überzeugt – so konnten beispielsweise Lücken in Verlegeminensperren digital gekennzeichnet werden, was sich positiv auf die Geschwindigkeit der Informationsweitergabe auswirkte. Allerdings verfügen nicht alle Waffensysteme, insbesondere die der Kampfunterstützung, über diese fortschrittliche Technik, sodass eine Synchronisation von FISH anzustreben ist, um Kommunikation und Arbeitsabläufe truppengattungsübergreifend zu vereinfachen. 

Schützenpanzer Puma im urbanen Look.

Fazit

Trotz der widrigen Umstände in der Vorbereitung des Übungsvorhabens, war die Teilnahme am GefÜbZ H Durchgang in meinen Augen ein voller Erfolg. Obgleich für alle beteiligten Kompanien auch bei Übungsende von einem „Beherrschen“ der offensiven Gefechtshandlung im urbanen Raum nicht gesprochen werden konnte, hat die schrittweise Leistungssteigerung bewiesen, dass die Soldaten die besonderen Herausforderungen, die mit diesem Gelände verbunden sind, verinnerlichen und die richtigen Schlussfolgerungen auf eigenes Handeln übertragen konnten. Die theoretische Ausbildung an der Lagekarte, welche Inhalt zahlreicher Lehrgänge des militärischen Führungspersonals ist und mit SIRA weiter vertieft wird, kann die tatsächliche Durchführung eines solchen Übungsvorhabens in keiner Weise ersetzen. Das fachlich versierte und hochkompetente Ausbildungspersonal des GefÜbZ H und S, dass die Grundsätze der Panzergrenadiertruppe unverändert richtig sind und das Gefecht der verbundenen Waffen, auch multinational, in einem komplexen Szenario Aussicht auf Erfolg hat.

Für die Soldaten der 2. Kompanie erwies sich das Vorhaben als großartige Möglichkeit, Bilder und Erfahrungswerte bezüglich eines Angriffs im Bataillonsrahmen zu generieren. Das einleitende Zitat von Oberst a.D. Dieter Sladeczek aus dem Jahre 2012 wurde in einer Zeit getätigt, in der die Beteiligung am Einsatz in Afghanistan im Fokus der sicherheitspolitischen Ausrichtung der Bundesrepublik Deutschland stand. Spätestens mit dem Abzug aus Afghanistan und dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine hat sich dieser Schwerpunkt aber wieder in Richtung LV/BV verschoben. Der erste reine GefÜbZ H Durchgang in SCHNÖGGERSBURG hat deutlich gemacht, dass sich dieser urbane Raum für die Beübung der Truppe bezüglich IKM- und LV/BV-Missionen gleichermaßen eignet.